«Ich redete mir ein, ich sei schuld an Kristinas Beeinträchtigung»

|   Aktuelles

Kristina Fisler ist schwer cerebral bewegungsbehindert. Ihre Mama erlitt während der Schwangerschaft eine akute Plazentaablösung, sodass ihr Baby per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden musste. Die Bilder von damals werden den Eltern für immer im Gedächtnis eingebrannt bleiben. Überlagert werden sie jedoch von Bildern der glücklich strahlenden Kristina, die mit ihrem sonnigen Gemüt selbst dunkle Tage zum Leuchten bringt.

Akute Plazentaablösung wenige Wochen vor dem Geburtstermin
Kristina Fisler kam mit einer schweren cerebralen Bewegungsbeeinträchtigung zur Welt. Bei Ihrer Mutter löste sich rund einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin die Plazenta, und so musste  die kleine Kirstina mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Papa Daniel Fisler erinnert sich: «gerade waren wir noch zu Hause und alles schien in bester Ordnung. Plötzlich sassen wir im Spital und rund um uns herum herrschte eine riesige Hektik.»
Kristina atmete bei der Geburt nicht und musste reanimiert werden. Sie hatte aufgrund der Plazentaablösung einen massiven Sauerstoffmangel erlitten. Mama Annette Fisler bekam davon nichts mit. Sie befand sich ja noch unter Vollnarkose. Doch ihr Mann Daniel musste mitanschauen, wie seine kleine Tochter um ihr Leben kämpfte. Sein Blick geht ins Leere, während er erzählt: «Ich konnte die ganze Situation zuerst gar nicht richtig erfassen. Ich bangte um das Leben unserer Tochter und ahnte dabei Instinktiv, dass Kristina diese Tortur nicht unbeschadet überstehen würde.»

Das nagende Gefühl der Schuld lässt sich nicht einfach ablegen
Kristina überlebte. Doch schon früh war klar, dass sie an einer schweren cerebralen Bewegungsbeeinträchtigung leiden würde. Nach einigen Wochen im Spital durften die Eltern ihre kleine Tochter mit nach Hause nehmen – in eine ungewisse Zukunft.
Für die Eltern war Kristinas Geburt ein Schock – in jeglicher Hinsicht. Nicht nur, dass sie sich mit der Tatsache zurechtfinden mussten, dass ihre Tochter ihr Leben lang mit Einschränkungen zu kämpfen haben würde. Hinzu kam noch etwas anderes: Annette Fisler gab sich selbst die Schuld an der Beeinträchtigung ihrer Tochter. Dieses nagende Gefühl liess sie nicht mehr los, und ein normaler Alltag mit dem frisch geborenen Baby wurde dadurch fast unmöglich. In Annette Fislers Augen glitzern Tränen: «Ich hatte am Tag vor der Plazentaablösung einen schweren Blumentopf herumgetragen. Ich redete mir ein, ich sei deshalb Schuld an Kristinas Behinderung.» Daniel Fisler tat alles, um seine Frau zu trösten und ihr diese Selbstvorwürfe auszureden – vergeblich. Hinzu kam, das Kristina oft pausenlos schrie und weinte und kaum Nahrung zu sich nahm. Sie litt auch unter extremen Spasmen, die ihren kleinen Körper steif wie ein Brett werden liessen. Die Eltern waren schlichtweg überfordert mit der schwierigen Situation. Annette Fisler zog sich immer mehr zurück, während ihr Mann Daniel am Spagat zwischen Berufsalltag und Familie fast zerbrach. Gleichzeitig war da ja auch noch die zweijährige Annika, die ihrerseits auch Aufmerksamkeit brauchte. 

Endlich zur Ruhe kommen und nach vorne schauen
Entlastung brachte erst ein längerer Aufenthalt Kristinas im Kinderheim der Stiftung Therapeion in Zizers (GR). Die Heimleitung erfasste die Situation der Fislers sofort und nahm die kleine Kristina in ihre Obhut. So wusste die Familie ihre Tochter bestens versorgt und konnte endlich zur Ruhe kommen. Annette Fisler meint fast entschuldigend: «In die Aufgabe als Eltern einer schwer beeinträchtigten Tochter mussten wir zuerst hineinwachsen. Zudem dauerte es sehr lange, bis ich mir nicht mehr die Schuld am Schicksal meiner Tochter gab und stattdessen nach vorne schauen konnte.» Nach und nach übernahmen die Eltern Kristinas Pflege wieder selbst. «Diesmal aber gestärkt und in der Gewissheit, dass wir gemeinsam bewältigen können», Annette Fisler drückt die Hand ihres Mannes.

Ein Lächeln macht vieles vergessen
Kristina ist ein sehr fröhliches, neugieriges Mädchen. Mit ihren klaren, grossen Augen mustert sie ihre Umwelt sehr genau. Wenn sie lächelt, hat man das Gefühl, die ganze Welt werde ein bisschen heller. Dieses Lächeln entschädigt ihre Familie für vieles – durchwachte Nächte, Stundenlanges Warten im Spital, Sorgen um die Zukunft und das Leben ihrer Tochter.
Kristina kann nicht Sprechen und sitzt im Rollstuhl. Um ihren plötzlich einsetzenden Spasmen zu begegnen, ist der Rollstuhl beweglich und passt die Sitzhöhe automatisch an Kristinas Beinbewegungen an. So kann sie sich auch einmal durchstrecken. Dieser Mechanismus ist zwar sehr praktisch und schonend für Kristinas Muskeln und Gelenke, dafür ist der Rollstuhl jedoch um eines vielfaches klobiger als herkömmliche Modelle.
Da Kristina nicht gut kauen und schlucken kann, wurde ihr schon im Babyalter eine PEG-Sonde gelegt. Hinzu kam bei einer späteren Operation eine Medikamentenpumpe, die direkt unter Kristinas Bauchdecke implantiert wurde. Kristina leidet wie auch ihre Schwester Annika an Diabetes Typ 1.

Durchschlafen als Entlastung
Kristina besucht die Schule der Stiftung Vivala in Weinfelden. Hier erhält sie auch eine Physio- und eine Hippotherapie. Sie fühlt sich sehr wohl in der Schule.
Inzwischen verbringt sie in der Vivala auch jeweils zwei Nächte pro Woche. Für die Fislers bedeutet dies, zweimal pro Woche durchschlafen zu dürfen und daher eine nicht zu unterschätzende Entlastung im Alltag.Überhaupt ist der Alltag mit einem schwer beeinträchtigten Kind oftmals anstrengend und aufreibend. Zumal Kristina für ihre 13 Jahre schon sehr gross ist und es für die Eltern immer schwieriger wird, sie zu tragen.
Die Fislers schauen aber positiv in die Zukunft und versuchen, jedes Problem Schritt für Schritt anzugehen. «Wir haben harte Zeiten durchlebt. Doch irgendwie hat Kristinas Beeinträchtigung uns vier als Familie auch sehr zusammengeschweisst», meint Annette Fisler, «ein Blick in die strahlenden Augen unserer Tochter genügt, damit wir jeweils wieder wissen, wie wahnsinnig wertvoll dieses ganz besondere Leben für uns ist.»

Hilfe für die Familie Fisler
Die Familie Fisler ist schon seit vielen Jahren bei unserer Stiftung angemeldet und wurde von uns auch schon mehrfach unterstützt. So bezieht die Familie Pflege- und Hygieneartikel und wurde bei uns beim Bezug eines Pflegebettes unterstützt. Zudem leisteten wir mehrfach Beiträge an den rollstuhlgängigen Ausbau des Zuhauses der Fislers, damit sich Kristina mit ihrem schweren Rollstuhl hindernisfrei fortbewegen kann.
Wir halfen den Fislers auch bei der Finanzierung ihres rollstuhlgängigen Autos und unterstützten sie zudem beim Kauf verschiedener Hilfsmittel wie Lagerungskissen und eines Spezialfahrrades.

Zurück