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Schweizerische Stiftung für das cerebral gelähmte Kind

«Komplexe Gangstörungen können heute viel besser korrigiert werden»

Wir unterstützten das Ganglabor im Universitätsspital Basel (UKBB) schon mehrmals. Prof. Dr. med. Reinald Brunner ist leitender Arzt der Neuroorthopädie im UKBB. Er ist sich sicher, dass das Ganglabor nur dank unserer langjährigen Hilfe weitergeführt werden konnte. Im Gespräch erklärt er, warum das Ganglabor für Menschen mit einer Beeinträchtigung derart wichtig ist.

Was genau ist ein Ganglabor?
Gangstörungen sind nach wie vor eines der Hauptprobleme von Kindern und Erwachsenen mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung. Invasive therapeutische Schritte werden bei den Betroffenen auch heute noch oft anhand von statischen Untersuchungen im Liegen und Sitzen geplant. Bei statischen Untersuchungen werden aber wichtige Komponenten wie Schwerkraft, Beschleunigung und Massenträgheit ausser Acht gelassen. Diese Komponenten können nur anhand einer detaillierten Ganganalyse untersucht werden.
Im Ganglabor ist genau dies möglich. Das Ganglabor ist ein grosser Raum, in dem  die Patienten eine genügende Strecke gehen und auch ihre Ganggeschwindigkeit selber wählen können. Vor der Analyse werden Marker an vorher definierten Punkten am Körper angebracht. Ein Videosystem vermisst dann beim Gehen die Position der Marker im Raum und gibt so Aufschluss über die Bewegungen der einzelnen Gelenke in drei Dimensionen. Gleichzeitig geht die Person über zwei Kraftmessplatten, die die Kraft zwischen Boden und Fuss in drei Dimensionen sowie die Muskelströme messen. All diese komplexen Informationen über die Vorgänge beim Gehen liefern uns wichtige Informationen und sorgen dafür, dass wir besser verstehen, wie sich die jeweilige Behinderung auf das Gehen auswirkt. Die gewonnenen Erkenntnisse fliessen anschliessend in die individuelle Behandlung des jeweiligen Patienten.

Wie wichtig ist das Ganglabor für cerebral bewegungsbehinderte Menschen?
Die Ganganalyse hat sich inzwischen an vielen Zentren zu einem Standard in der Abklärung von Gangstörungen bei Menschen mit einer Bewegungsbehinderung etabliert. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Daten haben zudem dazu geführt, dass bestehende Behandlungsverfahren modifiziert und gar neue entwickelt wurden. Dies wirkt sich sehr positiv auf die Therapie von betroffenen Kindern und Erwachsenen aus. Auch komplexe Gangstörungen können heute wesentlich besser korrigiert werden.
Dies führt bei den Betroffenen zu mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit.
Im UKBB wird heute wenn immer möglich eine Ganganalyse als Grundlage für die Planung der Behandlung und Korrektur von cerebralen Bewegungsbehinderungen beigezogen. Das Ganglabor dient übrigens nicht nur der Planung von therapeutischen Massnahmen, sondern wird von uns auch zur Überprüfung von Behandlungsergebnissen, zum Beispiel nach operativen Eingriffen, verwendet.

Wird im Ganglabor auch geforscht?
Wir erweitern laufend die Möglichkeiten und Berechnungstechniken in unserem Ganglabor. Dabei können wir auf unsere bereits entwickelte Software zurückgreifen, müssen diese aber jeweils aufwendig anpassen und erweitern.
Heute sind wir in der Lage, die Ganglabordaten eines einzelnen Patienten in ein Modell aus Skelett und Muskeln zu übertragen. Diese neue Möglichkeit erlaubt uns, die Aktivität der einzelnen Muskeln sowie deren Länge, Kraft und weitere Parameter zu berechnen. Dies hilft uns, wichtige Fragen besser und gezielter zu beantworten. Aus den gewonnenen Daten ergeben sich Hinweise auf weitere mögliche Verbesserungen des Gangbildes beim jeweiligen Patienten.
Anhand mathematischer Algorithmen, die wir über all die Jahre mit unseren gewonnenen Daten gefüttert haben, können wir heute sogar Vorhersagen im Hinblick auf mögliche Operationsergebnisse treffen. Diese Neuerung verspricht eine Verbesserung der Behandlungsresultate und  erlaubt uns eine verbesserte individuelle Planung.

Welche Rolle spielt die Unterstützung der Stiftung Cerebral für das Ganglabor am UKBB?
Die langjährige Unterstützung der Stiftung Cerebral hat das Überleben des Ganglabors nachweislich gesichert und uns, heute auch dank der Ralph Loddenkemperstiftung, eine Spitzenposition im weltweiten Vergleich ermöglicht. Die Ganganalyse ist heute Standard in der Behandlung von Menschen mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung und wird an zahlreichen Orten angeboten.
Ich möchte mich im Namen aller Beteiligten und des UKBB herzlich für die gute Zusammenarbeit bedanken. Ohne die Hilfe der Stiftung Cerebral hätten wir die heutige Qualität der Behandlung und auch die vielversprechenden Zukunftsaussichten wohl nicht erreicht.


Zur Person
Prof. Dr. med. Reinald Brunner leitet die Abteilung Neuroorthopädie am UKBB seit 1992, seit 1999 als leitender Arzt. Zudem engagiert er sich schon über 10 Jahre als Stiftungsrat bei der Stiftung Cerebral. Für dieses langjährige Engagement sind wir ihm sehr dankbar.