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Schwerbehinderte im Spital: Ohne Angehörige geht nichts
Viele Patientinnen und Patienten in Akutspitälern bedürfen heute einer an-spruchsvollen Pflege, weil sie neben der Akuterkrankung noch von anderen Gesundheitsproblemen oder von einer Behinderung betroffen sind. Eine Studie der Schweizerischen Stiftung für das cerebral gelähmte Kind und des ZHAW Departement Gesundheit zeigt nun, welche Herausforderungen die Spitalbehandlung eines schwerbehinderten Patienten für Pflegefachpersonen und Angehörigen stellt. Das Pflegepersonal bemüht sich um eine optimale Betreuung der behinderten Patientinnen und Patienten, gerät dabei aber oft an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Deutlich wird, dass ohne die tatkräftige und umfassende Mitarbeit von Angehörigen und Bezugspersonen aus Behindertenheimen, eine qualitativ gute Betreuung und Pflege von behinderten Menschen im Spital kaum zu gewährleisten ist.

Oft ist die Rede von der fortschreitenden ‚Ökonomisierung’ des Gesundheitswesens. Es wird befürchtet, dass die Qualität von medizinischer Versorgung und Pflege dem Prinzip der ökonomischen Effizienz untergeordnet wird. Als besonders gefährdet gelten dabei Patientinnen und Patienten mit komplexen, chronischen Krankheiten oder mit Behinderungen, deren Pflege mit besonderem Aufwand verbunden ist. Doch was geschieht wirklich, wenn z.B. eine geistig behinderte Frau oder ein behinderter Mann wegen einem Akutproblem, z.B. einer Blinddarmentzündung, ins Spital muss?

Angehörige als "Dolmetschende"

Dies wurde in einer kürzlich abgeschlossenen Studie untersucht, die von der Schweizerischen Stiftung für das cerebral gelähmte Kind in Auftrag gegeben und finanziert wurde. Wissenschafter der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften liefern in ihrem noch unveröf-fentlichten Bericht eine doppelte Botschaft: Auf den ersten Blick verlaufen Spitaleinweisungen von schwerbehinderten Menschen meistens reibungslos und jedenfalls nicht problematischer als bei Patientinnen und Patienten ohne zusätzliche Behinderung. Auf den zweiten Blick aber zeigt sich, dass dieses erfreuliche Ergebnis nicht den Spitälern allein zu verdanken ist.

Die Angehörigen, aber auch Bezugspersonen aus dem Behindertenheim betreuen und pflegen die schwerbehinderten Patientinnen und Patienten umfassend mit und sind oft rund um die Uhr engagiert. Die Studie zeigt, dass die Pflegefachpersonen im Spital auf diese Mitarbeit kaum verzichten können. Sie haben nicht ausreichend Zeit, den Bedarf nach einer umfassenden Betreuung der behinderten Kranken so zu erbringen, wie sie es selber als notwendig erachten.

Was aber macht die Pflege von behinderten Patientinnen und Patienten so aufwendig? Die Studie zeigt, dass es besonders die stark eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten dieser Menschen sind. Sie können ihre Bedürfnisse nur mit Mühe artikulieren. Oder sie werden nicht verstanden, weil sie sich in ungewohnter Weise ausdrücken. Schreit der Patient etwa, weil er Schmerzen, Hunger oder Angst hat? Die Angehörigen wirken hier meistens als ‚Dolmetschende’ zwischen behindertem Patienten und Arzt oder Pflegefachperson. Ausserdem aber bedürfen behinderte Menschen im Spital besonders viel Aufmerksamkeit, Präsenz und Zeit. Sie brauchen eine Bezugsperson, die zuhört, beruhigt, klärt und ganz einfach anwesend ist.

Übertragbare Resultate

Die Resultate der Studie sind wichtig, weil sie sich auch auf andere, grössere und in Zukunft wachsende Gruppen von Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Pflegebedarf übertragen lassen, wie zum Beispiel Demenzkranke. Der zusätzliche Pflegebedarf wird schon heute zu einem wesentlichen Teil von Angehörigen und teilweise von Betreuungspersonen aus dem Behindertenheim wie selbstverständlich und meistens unbezahlt geleistet. Diese Arbeit und das besondere Engagement der Pflegefachpersonen im Spital taucht in keiner Statistik auf und ist so quasi unsichtbar. Wenn sich der Rentabilitätsdruck auf Spitäler erhöhen sollte, so ist unter diesen Umständen zu befürchten, dass Angehörige oder andere Bezugspersonen von be-hinderten Patientinnen und Patienten noch stärker beansprucht werden. Was aber ist, wenn jemand keine Angehörigen oder Bezugspersonen hat? Die Studie empfiehlt deshalb klare spitalinterne Leitlinien für die Pflege von Kranken mit besonderem Betreuungsaufwand und eine bessere Dokumentation des Pflegeaufwandes.

Weitere Auskünfte:
Michael Harr (Geschäftsleiter)
Schweizerische Stiftung für das cerebral gelähmte Kind
Erlachstrasse 14, Postfach 8262, 3001 Bern
Tel.: ++41 (0)31 308 15 15

Dr. Peter Rüesch (Studienleitung)
Leiter Fachstelle Gesundheitswissenschaften, Departement Gesundheit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
Technikumsstrasse 71, Postfach, CH-8401 Winterthur
Tel.: ++41 (0)58 934 63 09, Fax: ++41 (0)58 935 63 09, mail: peter.ruesch@zhaw.ch
Stiftung Cerebral Erlachstrasse 14 Postfach 8262 3001 Bern Phone: 031 308 15 15 Fax: 031 301 36 85 Spenden: PC 80-48-4